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DAS GÄSTEBUCH DES HOTEL ORPHÉE IN REGENSBURG

Aus der Serie Aufgeschlagen des Bayerischen Rundfunk:Das Gästebuch des Hotel Orphée in Regensburg.

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le trio Infernal

Von links nach rechts:
Judith Baumgarten, Restaurantleitung
Neli Färber, Inhaber
Annette Ebmeier, Hotelleitung

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ORPHÉE BUCH

Bilder und Geschichten aus dem Restaurant ...

Das Orphée-Buch ist ein wirkliches Buch, geschrieben von Neli Färber — Gründer und einer der Inhaber des Restaurants und später auch des Hotels. Es trägt viele der kleinen Geschichten und Ansichten aus den frühen Jahrzehnten des Orphée zusammen und zeigt den Wahnsinn und die Freude des Alltags an dieem speziellen Ort.
und ich sag zu wind und wolken: nehmt mich mit.

— Freddy Quinn

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CAFÉ AU LAIT / CAPPUCCINO

In früheren Zeiten hatten es die Gastronomen zumindest in einem Punkt einfacher:...

Prolog:
In früheren Zeiten hatten es die Gastronomen zumindest in einem Punkt einfacher: Wenn sich jemand schriftlich beschweren wollte, musste er einen Brief schreiben, eine Marke aufs Kuvert kleben und den Brief zum Briefkasten bringen. Im Internet-Zeitalter schreibt man schnell mal eine E-Mail. Davon erreichen uns nicht wenige, wenn auch nicht alle so amüsant wie folgende:

Sehr geehrte Damen und Herren,
vor ca. 3 Wochen waren meine Frau und ich zu einem ausgiebigen Frühstück in Ihrem Restaurant. Es hat uns sehr gut geschmeckt, ich möchte Ihnen im Folgenden aber doch einen Vorfall schildern, der uns sprachlos machte:

Wir bestellten bei Ihrer freundlichen blonden Bedienung laut Karte zwei Cafés au Lait.

Die Dame bestätigte: „Ok, zwei Kaffee.“
Ich: „Nein, zwei Cafés au Lait bitte.“
Bedienung: „Ja, zwei Cafés au Lait.“

Es wurden daraufhin aber zwei Cappuccini gebracht.

Ich: „Das sind keine Cafés au Lait, das sind zwei Cappuccini.
Bedienung: „Das ist bei uns Café au Lait. Steht auch so in der Karte.“
Ich: „In der Karte steht ein Schrägstrich dazwischen, das bedeutet im Deutschen „oder“.
Bedienung: „Das sind bei uns Cafés au Lait. Unsere Maschine kann nur diese Sorte und Espresso zubereiten.“
Ich: „Merkwürdig. Ich bin hier in einem französischen Restaurant, Café au Lait steht in der Karte und wir bekommen zwei Cappuccini als Cafés au Lait serviert.“
Bedienung: „Ich kann Ihnen leider nichts anderes bringen. Was verstehen Sie denn bitte unter einem Café au Lait?“

Da waren meine Frau und ich sprachlos. Ich habe ihrer Bedienung dann erklärt, was man unter einem Café au Lait versteht, und die beiden Cappuccini gegen zwei Latte Macchiato austauschen lassen (heißen bei Ihnen Milchkaffee im Glas), die dem Café au Lait noch am nächsten kommen.
Man kann sich in diesem Fall leider nur wundern, wie in einem französischen Restaurant Kaffeesorten nach Belieben durcheinandergeworfen werden und Ihre Bedienung keine blasse Ahnung hat, was man unter einem typischen französischen Café au Lait versteht.

Können Sie das verstehen? Ich nicht, und würde mich über eine Antwort von Ihnen sehr freuen.

Antwort Neli:
Sehr geehrter Herr xxx,
nachdem Ihnen nach so langer Zeit der Café au lait/Cappuccino und die unkundigen Serviertöchter im Orphée immer noch aufstoßen, fühlen wir uns herausgefordert, Ihren Wissensdurst bezüglich der „nach Belieben durcheinandergeworfenen Kaffeesorten“ in unserem Haus zu befriedigen. Eine Befriedung (vor der Befriedigung) hat ja unsere Hausdame bei Ihrem Besuch in unserem Lokal demonstriert. Den Milchkaffee im Glas statt des Aulaitccinos haben Sie ja nicht zurückgewiesen. Sie waren „sprachlos“. Es scheint, dass Sie diese Sprachlosigkeit in Ihrem Brief an uns überwunden haben. Insofern möchten wir gerne unseren Beitrag zur Aufklärung dieses Vorgangs leisten.

Daher habe ich meine Freundin Marianne Mion angerufen, die als waschechte Pariserin sicher eine Aussage zur Café-au-lait-Problematik machen kann.
Ich: „Guten Morgen, Marianne.“
Marianne: „Neli, du bist lustig. Es ist halb zwei!“
Ich: „Egal. Du weißt doch sicher wegen au lait Bescheid.“
Marianne: „Ja, klar. Das brüllen die Spanier beim Stierkampf…“
Ich: „Du meinst ,Olé!‘, ich meine ,au lait‘, den Café au lait.“
Marianne: „Ach… Was ist damit?“
Ich: „Naja, wir hatten einen Gast, der war nicht einverstanden, dass bei uns ein Café au lait und ein Cappuccino dasselbe sind. Er meinte, wenn man in einem französischen Lokal einen Café au lait ordert, dürfte keinesfalls ein Cappuccino serviert werden.“
Marianne: „Ich wüsste kein Café in Paris, wo man „Café au lait“ bestellen würde, man bestellt einen Café Crème oder einen Petit Crème.“
Ich: „Das entspricht dann einem Cappuccino bzw. einem Espresso macchiato.“
Marianne: „Exakt, aber nicht genauso wie in Italien, aber ziemlich ähnlich.“
Ich: „Du meinst, nicht so gut wie in Italien? Was ist dann mit dem Café au lait?“
Marianne: „Das ist der Frühstückskaffee, der aus einer großen „bol“ getrunken wird – aber zu Hause oder allenfalls zum Hotelfrühstück. In der Gastronomie gibt es eigentlich keinen Café au lait.
Marianne: „Sonst noch was, Neli? Ich muss weiter.“
Ich: „Nein, das war’s eigentlich.“
Marianne: „Isch küsse Dich.“
Ich: „ Kuss zurück!“

So weit das Gespräch mit Marianne Mion. Gestatten Sie mir, wenn ich zum Schluss ein Kapitel aus meinem Orphée-Buch zum Thema Café au lait/Cappuccino anfüge. Bitte verzeihen Sie mir ein letztes Mal den Schrägstrich.

Mit besten Grüßen

Cornelius Färber
Restaurant Orphée

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DEUTSCHLAND – EINE LESEREISE: REGENSBURG VON JAN WEILER

Nach Regensburg kommt man ja auch nie, das liegt nicht auf dem...

Gustav Mahler darf nicht in die Walhalla

von Jan Weiler am 26.10.2005

Nach Regensburg kommt man ja auch nie, das liegt nicht auf dem Weg nach irgendwo. Früher muss das mal anders gewesen sein, Regensburg war mal wichtig, sehr wichtig sogar. Es ist die viertgrößte Stadt in Bayern und verfügt selbst redend über einen kapitalen Dom. Am Südwest-Eingang des Doms Sankt Peter hängt ein Schild, das auf eine gewisse “Judensau” an der rechten Säule neben dem Eingang hinweist. Wie bitte? Ich glaube, es geht los. Bei der “Judensau” handele es sich um die Abbildung einer Sau mit an den Zitzen herumspielenden Juden. Das sei als Schmähung gemeint gewesen, denn in südwestlicher Richtung vom Dom aus befand sich das Judenghetto. Ausweislich des Schildes müsse man die “Judensau” in einem geschichtlichen Kontext begreifen und heute sei das Verhältnis zwischen Christen und Juden von Verständnis und Toleranz geprägt. Das ist jetzt kein Satz für Kunsthistoriker, aber: Ich würde diesen antisemitischen Scheiß ja abschrauben und wegschmeißen. Das Judenghetto ist schließlich auch weg, dass wurde schon vor 500 Jahren nieder gebrannt. Wo damals die Synagoge stand, wurde hernach die erste evangelische Kirche von Regensburg hingebaut. Wie dem auch sei. Schon aus Gründen politisch korrekter Erregung muss ich das Regensburger Anti-Juden-Schwein natürlich sehen und betrete neugierig den Dom. Aber ich finde die “Judensau” nicht. Komisch. Die ganze Aufregung für die Katz. Aber so ist das nun einmal: Da gibt es in dieser traumhaft schönen Kirche atemberaubende Fenster, den berühmten “Lachenden Engel” und ein 32 Meter hohes Gewölbedach. Und was bleibt am Ende in Erinnerung? 500 Jahre alter Quatsch, den man nicht einmal sehen kann.

Es ist gar nicht so einfach, sich in Regensburg zurecht zu finden, denn diese beim Bombardement irgendwie glücklicherweise vergessene und daher wunderschöne Stadt besteht zu einem Gutteil aus autofreier Altstadt, Kirchen und Geschenklädchen mit Ratzinger-Tellerchen. Der Mann ist Papst, aber nicht unbedingt ein Fest fürs Auge. Daher wurde überall dasselbe enorm vorteilhafte Foto draufgeklebt-gedruckt,-gestickt. Jedenfalls verläuft man sich leicht in den Gässchen, die voll sind von Holzspielzeuglädchen und sehr angenehmen Cafés.

Schon das Navigationsgerät im Auto hatte vor der “Unteren Bachgasse” kapituliert. Dort hat man mir ein Zimmer gebucht. Im Hotel Orphée. Man muss wirklich ganz verboten zwischen den Fußgängern hintuckern, anders bekommt man sein Gepäck nicht hin. Das Hotel ist dafür aber ein Traum. Wenn alle Hotels so wären wie das Orphée, ich sage Ihnen, dann würden alle Menschen Handelsvertreter werden wollen. Oder Schriftsteller. Es ist nicht nur geschmackvoll eingerichtet und freundlich geführt, sondern es hat Atmosphäre, was man heute von fast nirgendwo mehr sagen kann. Man kommt wirklich gerne in dieses Haus und genießt jede Sekunde. Sogar das Zimmermädchen ist super hübsch. Man wünschte, man wäre ein Bett und würde von ihr frisch bezogen. Aber nun nicht ins säfteln kommen. Ich bin ja noch nicht vierzig.

Auch die Lesung wird heute richtig gut. Sie findet in der Nähe statt, in einem Saal, der “Leerer Beutel” heißt, was zumindest erst einmal alle Alarmglocken schrillen lässt. Leerer Beutel klingt nach schlimmer Studentenkneipe, auf deren Speisekarte “Knobibrot” und “Salat mit Putenbruststreifen” und “Rotwein haut rein” steht. Es stellt sich zu meiner Erleichterung heraus, dass es sich beim leeren Beutel um einen historischen Saal und ein daneben gelegenes anständiges Restaurant handelt, wo ich vor der Lesung eine Kokos-Linsensuppe esse, an der nur der Preis studentisch ist. Uff. Glück gehabt.

Der Veranstalter des Abends ist die Buchhandlung Dombrowski, die an dieser Stelle gepriesen werden muss. Aus mehreren Gründen: Erstens sind die Mikrofonanlage und der Raum und das Publikum top. Erste Sahne. Zweitens ist das Ehepaar Dombrowski auf schon atemberaubende Weise höflich, charmant und kompetent. Und drittens ist ihr Geschäft soeben “Buchhandlung des Jahres” geworden. Das ist eine Auszeichnung der Fachzeitschrift Buchmarkt. Ich finde das wunderschön, denn die Dombrowskis haben eine ganz kleine Buchhandlung, so eine Art Feinkostlädchen der Literatur. Dass sie mich eingeladen haben, macht mich natürlich schon stolz. Nach der Lesung bin ich ganz glücklich, weil hier in Regensburg alles so super ist.

Im Hotel zappe ich noch durch die Programme und stoße auf Johano Strasser, wie er mit irgendwelchen Wirtschaftstypen in einer Phoenix-Sendung namens “Berliner Runde” diskutiert. Als ich sehe, wie er zu den Einlassungen des Klassenfeindes freundlich nickt, nicke ich ebenfalls, und zwar ein. Das liegt an der unerfreulichen Müdigkeit, die ich jetzt schon seit fast einer Woche mit mir rumschleppe. Vielleicht habe ich mich bei Klaus Kinkel mit Malaria angesteckt. Der soll das ja angeblich haben. Wenn ich das von ihm hätte, würde es mich aber schon sehr wundern, denn ich bin ihm noch nie begegnet. So was denkt man, kurz bevor man einschläft.

Heute Morgen habe ich sehr ausführlich in dem zum Hotel gehörenden Restaurant gefrühstückt und dabei zwei Zeitungen gelesen: Die SZ natürlich, das ist ja keine Frage. Und dann noch die taz. Und da wurde mir schlagartig klar, was das hier für ein Laden ist. Das ist das Hotel für die neue Mitte! Für diese Bütikofers, die in Wahrheit die neue bürgerliche Mittelschicht bilden und die FDP an den rechten Rand der Neoliberalität gedrängt haben. Hier steigen Menschen ab, die gerne teuren Rotwein trinken, in einem ordentlichen Hotel mit antiken Möbeln absteigen und aber morgens zum Milchkaffee die taz lesen wollen.

Und auch der Milchkaffee ist erstklassig. Was soll ich machen, mir ist das ganz recht so. In Regensburg kann man noch ein bisschen bleiben, entscheide ich nach der Lektüre der ehrenwerten taz und gehe spazieren. Ich besteige einen Bus mit Anhänger. Im vorderen Teil gibt es die Stadtrundfahrt auf Deutsch, im Anhänger gibt es die Stadtrundfahrt in Englisch. Habe ich noch nie gemacht. Bevor das Ding loszuckelt, reißt ein Stadtrundfahrtsangestellter die Tür auf und blökt uns arme schüchterne Rentner an: “Lüftung gibt’s nur, wenn Sie die Fenster aufmachen. Wenn Sie die zu rammeln, ist hier Pumakäfig.” Eigentlich haben alte Damen doch ihre Handtaschen, um damit kräftig zu zuschlagen. Macht aber niemand. Schade. Die Stadtrundfahrt bereichert mich um mehrere Anekdoten aus der Stadtgeschichte Regensburgs. Die schönste ist diese hier. Als die berühmte steinerne Brücke gebaut wurde, wettete der Baumeister mit dem des Doms, wer eher mit seinem Bauwerk fertig würde. Der Brückenbaumeister geriet aber in Verzug und ließ sich auf einen Pakt mit dem Teufel ein. Dieser half ihm bei der Fertigstellung und sollte dafür die ersten drei Seelen erhalten, die die Brücke überquerten. Als die Brücke fertig war, kündigten sich Kaiser, König, Kardinal, Bürgermeister und so weiter an und der Brückenbauer bekam Panik. Schließlich jagte er einen Hund, einen Hahn und eine Henne über die Brücke. Der Teufel wurde sauer und fühlte sich zu recht veräppelt. Er versuchte also die Brücke zu zerstören indem er sich unter den mittleren Brückenbogen stellte und von unten drückte. Die Brücke ging aber nicht kaputt, sondern erhielt auf diese Weise bloß ihre charakteristische nach oben gewölbte Form. Hübsch, gell?

Natürlich ist auch viel von Papst Benedikt die Rede. Die Dame auf dem Tonband braucht mehrere Minuten, um seine Verdienste, Titel und Funktionen in und um Regensburg aufzuzählen. Am Ende sagt der Rentner neben mir halblaut zu seiner Frau: “Und denn war er noch ersta Tenor bei’n Rensburjer Domspatzn.”

Auf dem Weg nach Straubing mache ich einen schönen Abstecher nach Walhalla, der deutschen Hall of Fame. Leo Klenze hat das Ding gebaut, Münchner kennen den. Ein Visionär, der die Walhalla mitten in den Wald auf den 405 Meter hohen Bräuberg gesetzt hat. Man kann nicht nur sehr weit von dort aus ins Land sehen, sondern auch umgekehrt vom Land aus auf die Walhalla. Enormes Gebäude, an dem nicht zu viel Betrieb ist. Übrigens geht man heute nicht mehr die über dreihundert Stufen zur Halle hinauf, sondern parkt dahinter. Da ist mehr Platz für die vielen Busse mit Tortenkillern, die hier den deutschen Helden huldigen.

Viele von denen kenne ich gar nicht, zum Beispiel Fürst Barclay de Tolly oder Michiel Adriaenszoon de Ruyter. Der erste war Russe und der zweite Holländer. Ludwig I. hatte verfügt, dass in die Walhalla aufgenommen werden könne, wer “teutscher Zunge” und also nicht notwendigerweise rein deutschen Blutes sei. Es sind daher auch Holländer und Angelsachsen und Franzosen dabei. Der war schon ein echter Europäer, der Ludwig. Und hellsichtig war er auch, denn erstens würde Mozart bei moderner Auslegung der Aufnahmekriterien fehlen und zweitens wäre dann sogar für Ludwig I. selbst kein Platz. Der wurde nämlich in Straßburg geboren und starb in Nizza. Wussten Sie nicht? Sehen Sie. Das ganze Thema ist hochkompliziert, zumal inzwischen wirklich nur noch reinkommt, wer auch in Deutschland geboren ist. Die letzten, die als Büste in die Walhalla gestellt wurden, waren Konrad Adenauer und Sophie Scholl, wogegen in beiden Fällen nichts zu sagen ist. Die Scholl-Büste ist etwas groß geraten, das arme Mädchen hat einen Wasserkopf bekommen. Auch einige weitere Ehrenköpfe überzeugen mich nicht so. Einstein zum Beispiel. Der sieht mir zu comicköpfig aus. Und Franz Schubert. Da stimmen die Proportionen nicht, oder er sah wirklich merkwürdig aus. Insgesamt kann man mit der Auswahl der Geehrten zufrieden sein. Ich finde schon gut, dass der Ernst der Sache nicht durch die Einbeziehung von Fußball- oder Showstars untergraben wird. Die meisten der dann in Frage kommenden Personen erfüllen aber ohnehin noch nicht die Bedingungen. Man muss zum Beispiel seit zwanzig Jahren tot sein, was beispielsweise für Max Schmeling und Wim Thoelke nicht zutrifft.

Mit der Orthografie hapert es übrigens da und dort. Immanuel Kant fehlt beispielsweise ein dringend benötigtes “m.” Und der Humanist Johannes von Reuchlin heißt auf seiner Büste Reichlin. Das ist doch ein starkes Stück. Da kommt man schon in die Walhalla und dann ist der Bildhauer Legastheniker. Und dann fällt mir schließlich auf, dass da wer fehlt. Brecht zum Beispiel. Der gehörte hier schon rein. Und bei den Tonsetzern vermisse ich auch jemanden. Anton Bruckner ist drin. Bach, Beethoven, Brahms, Gluck, Händel, Haydn (der auf der Büste doch tatsächlich Heyden heißt), Reger, Schubert, Richard Strauss, von Weber und Wagner sowieso. Aber Gustav Mahler nicht. Gut, der ist in Böhmen geboren, aber was für andere gilt, das könnte doch für Mahler auch gelten. Gustav Mahler hatte schon zu Lebzeiten seine Not mit der Anerkennung. Er konvertierte vom Judentum zum Katholizismus, aber nicht einmal das half ihm weiter. Später wurde er aus Wien mittels antisemitischer Berichterstattung der lokalen Medien (vulgo: Zeitungen) weggemobbt. Und nun darf er nicht einmal in die Walhalla, die so in etwas unangenehmer Weise an den Regensburger Dom erinnert. Auf dem Weg zum Auto muss ich an einen Satz von Woody Allen denken. Ich glaube, er stammt aus dem Film “Manhattan Murder Mystery” und lautet: “Immer, wenn ich Wagner höre, bekomme ich den unwiderstehlichen Wunsch, in Polen einzumarschieren.”

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WIM WENDERS ÜBERS ORPHÉE

Aviso Einkehr — Vom süssen Leben im Hotel Restaurant Orphée in Regensburg Aviso...

Aviso Einkehr

— Vom süssen Leben im Hotel Restaurant Orphée in Regensburg

Es gibt ein paar berühmte klassische Kaffeehäuser in der Welt.
Wenn Sie je eines besucht haben,
kennen Sie das einzigartige Gefühl,
dort zu sitzen, Zeitung zu lesen,
einfach nur aus dem Fenster zu schauen
und die Passanten zu beobachten,
dabei den Frühstückskaffee zu schlürfen,
oder ein letztes Glas Wein am Abend zu trinken…
Nirgendwo ist das Innehalten und süße Nichtstun angenehmer.
Ein bestimmtes Lebensgefühl ist untrennbar mit diesen Orten verbunden:
Eine Leichtigkeit des Seins,
aber eine, die mit einer gewissen ReLektion und Kontemplation einhergeht,
mitten in der Welt und doch außen vor.

Solche Kaffeehäuser gibt es in all den großen Städten,
die zum Flanieren einladen:
das Deux Magots in Paris.
das Einstein in Berlin.
das Hawelka in Wien.
das Balthazar in Soho.
das Caffé Roma in San Francisco, usw…

Wer würde erwarten,
in einer verhältnismäßig kleinen süddeutschen Stadt,
beim Schlendern durch die Altstadt,
auf genau so ein Café zu stoßen,
das sich mit den oben genannten durchaus messen kann.
Doch, das gibt es: es ist das Orphée in Regensburg.
Sie müssen bloß die Untere Bachgasse hoch laufen,
dann können Sie es gar nicht verpassen!
Das Orphée ist einfach unverkennbar.
Sie denken, ich übertreibe jetzt? Oh nein!
Als ich mich da zum ersten Mal hineingesetzt habe,
habe ich auch erst mal nur ungläubig um mich geschaut.
Ein Déja Vu?
Wo war ich?
War ich hier nicht schon mal vorher gewesen?
Ich fühlte mich vom ersten Moment an zu Hause,
als ob ich schon Stammgast sei.
(Sogleich wissend, daß ich es unvermeidlich würde…)

Das waren die Thonet Wiener Kaffeehaus-Stühle und Tische,
das waren die Spiegel,
die holzvertäfelten Wände,
die alten französischen Plakate,
die Tageszeitungen in den altmodischen Klemmhaltern…
Aber vertraut war auch die Art und Weise,
wie der Ober an den Tisch trat, die weiße Schürze umgebunden,
und gleich danach war es auch die Speisekarte,
dann erst recht der Kaffee, den ich dann bestellt habe,
oder am Abend, an dem ich natürlich gleich wiedergekommen war,
die abendliche Speise- und Weinkarte.
(Ja, meinen Lieblingswein aus dem Burgund gab es auch,
wie selbstverständlich!)

Aber die Vertrautheit konnte nicht an einer Einzelheit ausgemacht werden.
Es war alles zugleich, auch das Licht,
und auch der Geruch
und die Geräusche.
Es war, wie die Zeit hier verging.

Wie oft ich seitdem ins Orphée zurückgekehrt bin, weiß ich nicht.
(Kennen Sie das, wenn man schon beim Beschreiben Heimweh bekommt?)
Und irgendwann gehörte zum Kaffehaus und Restaurant
dann auch ein wunderbares kleines Hotel,
das dem Ruf des Hauses in keiner Weise nachstand.

Und natürlich gibt es so einen Ort nicht ganz von allein.
Da gehört auch eine Stadt dazu,
die so ein Lebensgefühl möglich macht.
Wenn Sie Regensburg kennen, brauche ich Ihnen nichts zu erzählen.
Dann wissen Sie… Römische Siedlung, Bischofsstadt…
Wenn Sie die Stadt nicht kennen,
machen Sie sich auf ein kleines Wunder gefasst,
auf eine traumhafte italienische Stadt,
(die Altstadt ist Unesco Welterbe)
aber eben nicht in der Toskana,
sondern an der Donau.

Wenn Sie dann das erste Mal durch Regensburg ziehen,
schließlich kein Bein mehr vors andere kriegen,
schon stundenlang herumgewandert
und aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen sind,
dann wissen Sie ja jetzt, wo Sie sich ausruhen können.

„gewiss“. lachte siddharta, „gewiss bin ich zu meinem vergnügen gereist. wozu denn sonst?“

— Hermann Hesse

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LUDWIG BEMELMANS – REGENSBURG UND DIE HOTELS

Am 30. April 1898 kommt Ludwig Bemelmans in Meran zur Welt. Seine...

Am 30. April 1898 kommt Ludwig Bemelmans in Meran zur Welt. Seine Eltern sind Lambert B.. ein flämischer Künstler und Franziska, geborene Fischer. 1904 zieht er mit seiner Mutter nach Regensburg – Arnulfsplatz 6 – in die Brauereigaststätte Emslander, die seinem Großvater Ludwig Fischer gehört hatte. Im Gymnasium gescheitert schickte seine Mutter ihn zu seinem seinem Onkel Hans (Hotel Bemelmans in Klobenstein bei Bozen). Nachdem Ludwig im Streit auf einen Hotelangestellten geschossen hatte – nach anderer Lesart soll er ihn bloß mit einem Teller beworfen haben – wurde der Sechzehnjährige 1914 zu seinem damals in den USA lebenden Vater geschickt. Dort arbeitet er im Hotel Ritz Carlton und schreibt bzw. illustriert ab 1933 Dutzende von Büchern darunter „Madeline“.

Er publizierte außerdem mehrere Erwachsenenbücher, darunter Hotel Splendide und The Donkey Inside. Mit dem 1945 erschienenen Roman The Blue Danube, welcher in skurrilen und kritischen Szenen das deutsche Alltags- und Provinzleben unter dem Nationalsozialismus schildert, setzte er Regensburg als der Heimatstadt seiner Mutter ein literarisches Denkmal. Das Buch ist 2007 bei Suhrkamp/Insel unter dem Titel „An der schönen blauen Donau“ in deutscher Übersetzung erschienen. Seine Mutter, die in Regensburg bleibt, besucht er immer wieder. Am 01.10.1962 stirbt Ludwig Bemelmans in New York.

Die unzähligen Bilder und Zeichnungen von Ludwig Bemelmans erzielen bis heute hohe Preise.

die welt ist ein buch, und wer nicht reist, liest davon nicht eine einzige seite.

— Augustinus Aurelius

LEBENSGEFÜHL – NELI FÄRBER

Ein wahrer Kenner Regensburgs, Mitbegründer des Orphées, vieler anderer Lokale und Hotellerien mit Charakter in Regensburg. Wir baten Neli um...

Eine große Altbauwohnung.

Ein wahrer Kenner Regensburgs, Mitbegründer des Orphées, vieler anderer Lokale und Hotellerien mit Charakter in Regensburg. Wir baten Neli um eine Hommage an seine Stadt.

„Mit München braucht man dem Regensburger (dem wahren, echten, mit natürlichem Dünkel ausgestatteten) nicht zu kommen, da kräuseln sich seine Lippen und er sieht dann so aus, wie wenn er einem armen Kind etwas schenken würde. In Deutschland vielleicht gerade noch Berlin – aber eigentlich sind Paris und New York die einzig möglichen Alternativen. Dort hat man ja auch nur seine Viertel, seinen Kiez, den man kennt und wo man gekannt wird. Das ist in Regensburg halt die ganze (Innen)Stadt. Es gibt hier nur zwei Entfernungen: Gute 10 Minuten und knappe 10 Minuten. Innerhalb dieser Strecke ist alles erreichbar und so wird deutlich, was Regensburg – ganz besonders zur Nachtzeit – zum magischen Ort macht.

Die Stadt ist wie eine große Altbauwohnung, wo die Straßen und Gassen zu Korridoren werden. Wenn man will, trifft man sich in der Gemeinschaftsküche. Am Haidplatz zum Beispiel. Man verharrt dort 10 Minuten – und innerhalb dieser 10 Minuten kommen unter Garantie 20 Leute vorbei, die man kennt. (Natürlich erst nach 2 Wochen Regensburg, aber dann geht´s ratzfatz und plötzlich kennen Sie 40 Leute in 10 Minuten). Kann dann auch lästig werden. Aber die WG Regensburg hat Rückzugsmöglichkeiten für alle, die allein sein wollen und verströmt Geborgenheit (nicht Gemütlichkeit) für alle, die´s nötig haben. Eine WG ohne „Spülordnung“. Außerdem wird so etwas wie Geschirrspülen durch die zahlreichen Kneipen und Restaurants bestens erledigt, dort kann man trinken, ratschen und wunderbar speisen.“
— Top 99 Regensburg.